Aus dem Ruder laufende Redewendungen

Jens Sparschuh lässt in seinem Roman Das Leben kostet viel Zeit mit Titus Brose einen Memoirenschreiber auftreten, der seine Klienten, die Senioren eines Berliner Altersheims, wirklich mag. Er hört ihnen zu. Er sucht das Individuelle in ihren Lebenserzählungen. Die passt er behutsam an Schriftsprache an. Nur einen einzigen Kollegen hat er bei der Firma LebensLauf und der scheint der Ansicht zu sein, dass weniger das Leben, sondern vielmehr das Schreiben von Memoiren viel Zeit kostet. Zu viel Zeit. In die aufgezeichneten Erinnerungen seiner Kunden montiert er deshalb bei der Verschriftlichung immer wieder passgenaue Fertigteile, weil jede Biografie, so seine steile These, letztlich aus den gleichen, wiederkehrenden Grundbausteinen bestehe: „Einschulung, Abschlussball, erste Liebe, Hochzeit und so weiter.“ Also kopiert er unbedarft und unverfroren die eigenen Formulierungen. Dabei unterläuft ihm die eine oder andere Stilblüte. Erst Brose macht ihn darauf aufmerksam, dass es nicht sehr originell sei, vom „bewegten“ Leben eines Sportmediziners zu sprechen. Oder in Serie zu formulieren, dass all denen, die „das Licht der Welt erblickten“ etwas „nicht an der Wiege gesungen worden“ sei.
Auf die diversen Klischees angesprochen, die er in seinen Formulierungen verbrät, erwidert er überrascht, das sage man eben so. Was sogar stimmen mag. Umso mehr aber Anreiz sein sollte, es auch mal anders zu sagen. Ich jedenfalls halte es mit Brose, der sicher ist, dass Journalisten und Schriftsteller den Beruf verfehlt haben, wenn sie bei ihrer Arbeit KEINE Wortfindungsprobleme bekommen. Als öffentliches Plädoyer für die Suche nach den richtigen Formulierungen verordne ich mir an dieser Stelle und vor Ihnen als Zeugen für die Laufzeit dieser Programmvorschau das Konzept der kreativen Stilblüte, der aus dem Ruder laufenden Redewendung, des subversiven Klischees. Und ich fordere Sie fröhlich auf, mir dabei zu folgen. Wenn Sie sich also in den nächsten Wochen jemandem –  und sei es Ihrem Hund beim Lösen eines Sudokus – überlegen fühlen, dann sagen Sie ihm doch, er könne Ihnen eh nicht den Kakao reichen. Das versteht er nicht? Dann heißt es für Sie (und den dickfelligen Vierbeiner): abwarten und Kaffee trinken. „Hier geht es ja durcheinander, wie Hopfen und Malz!“ werde ich rufen, wenn in unserem Büro oder bei mir daheim ein kleines Chaos droht. Bis Ende August kann ich das durchziehen. Dann höre ich wieder damit auf. Damit Sie nicht glauben, bei mir seien für immer Kraut und Rüben verloren.

Ed